Seltsames, "sexualisiertes" Verhalten eines Sechsjährigen
Frage:
Liebes Beratungsteam!
Ich würde gerne von einer neutralen Stelle eine Anwort bekommen zu meinem Problem.
Ich selber habe 2 Jungs, einer ist bald 8 Jahre alt, der andere 16 Monate. Ich habe seit ca. 2 Jahren für einmal in der Woche ein Tageskind zum Betreuen, ebenfalls ein Junge. Er ist jetzt bald 6 Jahre alt.
Zu meinem Problem: Es hat damit angefangen, dass dieser Junge anfänglich immer wenn ich nicht gerade hingeschaut habe, die Hosen runter liess und irgendwelche Sprüche machte. Da dachte ich mir noch nicht so viel dabei. Nun ist es aber inzwischen so, dass er mit meinem Sohn (sobald ich eine Minute nicht schaue) bestimmte sexuelle Handlungen vornehmen möchte. Er möchte das Geschlechtsteil von meinem Sohn in den Mund nehmen, oder sein Glied ins "Fudi" von meinem Sohn stecken. Mit der Mutter habe ich bereits darüber gesprochen und sie meint, das sei eine bestimmte Phase, die Jungs halt durchmachen. Da sei nichts Schlimmes dabei. Ich habe mit meinem Mann darüber gesprochen und auch er ist der Meinung, dass dies nicht mehr "normal" sein kann. Wir haben den Verdacht, dass irgendetwas vorgefallen sein muss.
Ich kann den Jungen nicht mehr alleine spielen lassen mit meinem Sohn, weil er sonst gleich wieder damit beginnt. Ich weiss nicht, was ich machen soll. Für mich ist das nicht mehr tragbar und ich will auch meinen Sohn schützen, schliesslich ist dies nicht mein Problem.
Wie soll ich am besten vorgehen?
Antwort:
Tageskinder aufzunehmen bedeutet immer auch, Kinder aus einer anderen Familienkultur in seine eigene zu integrieren. Das kann manchmal schwierig sein, vor allem, wenn die Wertvorstellungen der beiden Familien sehr unterschiedlich sind (z. B. empfindet eine Familie als Fluchen, was eine andere Familie als normalen Umgang mit Wut sieht). Das hier beschriebene Verhalten ist aber mehr als eine bestimmte Familienkultur und erweckt mit Recht grosse Besorgnis. Das ist vor allem deshalb auch so, weil das Tageskind deine Kinder in seine sexuellen Handlungen einbezieht, womit er deinen Kindern Schaden zufügen kann. Auch wenn es von einem kleinen Kind kommt, sind das sexuelle Übergriffe – und auch diese haben negative Konsequenzen für deine Kinder! Es stimmt, dass du deine Kinder als Mutter davor beschützen musst. Zusätzlich ist es hier aber angebracht, alles zu tun, um auch das Tageskind vor möglichem Missbrauch zu schützen.
Ein sechsjähriges Kind mit so extrem ausgeprägtem Interesse an Sexualität ist nicht einfach nur in einer Entwicklungsphase. Es ist überaus wahrscheinlich, dass es Ideen, wie das Glied anderer in den Mund zu nehmen oder seines ins „Fudi“ von jemand anderem zu stecken, irgendwo gesehen (Stichwort Pornographie) oder direkt erlebt hat. Es ist fast undenkbar, dass es von selbst auf diese Ideen kommt. Deshalb sollte die Mutter des Tageskindes unbedingt erfahren, dass eine professionelle Abklärung in dieser Angelegenheit für eine gute Entwicklung ihres Sohnes absolut „Not-wendig“ sein kann. Das übergreifende sexuelle Verhalten ihres Sohnes darf nicht bagatellisiert werden. Sie sollte die klare Verhaltenssprache und den darin enthaltenen „Hilferuf“ ihres Sohnes ernst nehmen und mit ihm über sein Benehmen sprechen. Ein wichtiges Ziel dieses Gesprächs sollte sein, die Ursachen des auffälligen Verhaltens herauszufinden, um sie entfernen zu können. Wenn es um Misshandlung geht, müsste der Junge sofort von dieser Gefahrenquelle entfernt und in Sicherheit gebracht werden. Wird er durch pornographisches Material motiviert, sollte ihm dieses umfassend entzogen werden. Man muss dem Jungen erklären, dass hier etwas ganz Falsches passiert ist und er nichts dafür kann. Er braucht jede mögliche Hilfe, um das Erlebte so zu verarbeiten, dass es ihm in Zukunft nicht zu einer grossen Last wird. Es wäre sehr wichtig, dass die Mutter fachliche Hilfe sucht (zum Beispiel bei der Kinderschutzgruppe des Kinderspitals), damit ihrem Kind möglichst optimal geholfen werden kann.
Vielleicht sollte man vor einem Gespräch mit der Mutter auch mit seiner Kindergärtnerin sprechen und herausfinden, wie sich der Junge dort verhält (dort gibt es zudem weitere potentielle Opfer!) und ob schon etwas unternommen wird. Im Interesse des Kindes ist es wichtig, dass die Erwachsenen in seinem Umfeld zusammen spannen, um ihm zu helfen. Idealerweise sollte er zur Zeit in einer Tagesfamilie ohne oder nur mit wesentlich älteren Kindern betreut werden, die alle schon vorher von der Situation wissen und wo ganz klare Verhaltensregeln festgelegt werden.
Für euch als Eltern ist es wichtig, offen mit eurem Achtjährigen über die Vorfälle zu sprechen und ihm zu erklären, wie ihr dazu steht und was ihr für richtig und falsch haltet. Sexualität ist heutzutage schon in frühen Jahren ein grosses Thema unter Kindern. Meidet es nicht, damit eure Söhne ihre Informationen dazu gewöhnlich von euch holen und nicht mit ihren Fragen zu Mitschülern und Kollegen gehen!
Was den Schutz eurer Kinder betrifft, scheint es unumgänglich zu sein, zumindest vorübergehend dieses Tageskind nicht mehr bei euch zu betreuen. Wenn er über eine vermittelnde Organisation zu euch gekommen ist, wäre es wichtig, auch diese über die Vorfälle zu informieren, damit andere Kinder geschützt werden können. Bei all dem sollte das Wohl des Tageskindes und seiner Familie im Vordergrund stehen und wertschätzend vorgegangen werden. Obwohl sexueller Missbrauch etwas vom Schrecklichsten ist – es ist fast ebenso schlimm, dessen angeklagt zu werden, ohne schuldig zu sein!
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